Es war der Nachmittag des 7. Oktober 1995, als ich die Ziellinie des Ironman Hawaii auf dem legendären Alii Drive überquerte — nicht ahnend, dass es 8 lange Jahre dauern würde, bevor ich noch einmal einen Kilometer am Stück würde laufen können.

Zehn Jahre Triathlon neben dem Arztberuf

Zehn Jahre war ich auf der olympischen Kurzdistanz unterwegs — hatte mir neben der Arbeit als Klinikarzt mit wöchentlichen Arbeitszeiten von 70 Stunden und mehr (mindestens wöchentlich einen zusätzlichen 36-Stunden-Dienst plus einen Dienst als Notarzt auf dem Rettungshubschrauber) einen Trainingsplan mit 8 Wochenstunden zusammengestrickt.

Inzwischen war ich als Arzt mit eigener Praxis und Miteigentümer einer kleinen Klinik in einiger Verantwortung und merkte, dass ich mir dieses intensive Training nicht mehr lange würde zumuten dürfen. Zum Ende meiner Triathlonkarriere wollte ich noch einmal im Mekka des Triathlons auf Hawaii an den Start gehen und entschloss mich, mein Training für einige Monate auf 12 Stunden pro Woche auszuweiten.

Zu meiner eigenen Überraschung wurde ich damit auch auf der Kurzdistanz noch etwas schneller — konnte die Landesmeisterschaften Schleswig-Holstein in der Hauptklasse gewinnen, bevor ich mich in Roth für Hawaii qualifizierte.

Am Ziel — und dann

Und nun war ich am Ziel am Alii Drive angekommen, überglücklich und fasziniert von meiner Platzierung als siebtschnellster Europäer der AK 35. Ich würde glücklich nach Hause fliegen, in der Annahme, bei der vier Wochen später stattfindenden Weltmeisterschaft auf der olympischen Distanz in Mexiko für Deutschland starten zu dürfen — meinen allerletzten Wettkampf.

Allerdings wusste ich noch nicht, dass ich die erste Erholungs-Laufeinheit fünf Tage später nach 5 Minuten wegen unerträglicher Schmerzen in meiner linken Wade würde abbrechen müssen. Auch der zweite Versuch wiederum fünf Tage später musste bereits nach wenigen Metern abgebrochen werden.

Den letzten Test machte ich am Tag vor dem Wettkampf vor dem Mannschaftshotel in Cancún. Nach 50 Metern wusste ich, dass an einen Start nicht zu denken war. Die Wade hatte wieder „zugemacht".

Die Jahre der Ratlosigkeit

Danach machte ich eine mehrmonatige Laufpause. Radfahren und Schwimmen war problemlos weiterhin möglich. Ich steckte in einem Dilemma. Nie zuvor war mir ein Patient oder ein Sportler begegnet, der von einem Tag auf den anderen auf einmal nicht mehr laufen konnte.

Jahre vergingen — ich machte alle möglichen Untersuchungen, machte jeden erdenklichen Therapieversuch, gab mir selbst Infusionen, konsultierte jahrelang alle mir bekannten Spezialisten. Was ich auch tat: Ich konnte nicht mehr laufen. Mitte der 1990er Jahre konnte man noch nicht wie heute das gesamte im Internet gesammelte Wissen recherchieren. Ich hatte alles versucht: Gefäßuntersuchungen aller Art, mitochondriale Erkrankungen — in alle Richtungen gingen meine Recherchen.

Immerhin konnte ich Tennis spielen. Immer wieder ein paar Meter losrennen, stoppen, wieder losrennen — das ging einigermaßen. Meistens so vier Wochen, bevor ein explosiver Schritt mich wieder für 4 Wochen lahmlegte.

Basel, eine Operation — und wieder 200 Meter

Eigentlich hatte ich längst aufgegeben. Trotzdem wollte ich noch eines versuchen. Ein angesehener Sportmediziner in Basel war fest überzeugt, es würde sich um ein funktionelles Kompartmentsyndrom der tiefen Plantarflexoren handeln. Er ließ mich auf einem gut gedämpften Laufband mit ein paar Nadelsensoren in der Wade laufen und meinte, er sei sich sicher, mir mit einer arthroskopischen Logenspaltung helfen zu können.

Ich ließ die OP durchführen, wartete die Wundheilung ab und schlüpfte nach 10 Tagen nach langer Zeit mal wieder in meine Laufschuhe — rannte voller Freude und Zuversicht in Richtung Park. Und wieder war nach 200 Metern Schluss. Die Wade machte wieder zu.

Mittlerweile lag mein letzter Lauf mit einer Länge von mehr als einem Kilometer 7 Jahre zurück. Sehnsüchtig dachte ich an mein Rennen auf Hawaii zurück.

Die Diagnose: PAES

Nach der Jahrtausendwende konnte man das Internet als Hilfe bei der Literaturrecherche einsetzen. Mit einem PubMed-Zugang ging ich auf die Suche nach Studien, in denen eine ähnliche Symptomatik wie die meinige beschrieben wurde. Und ich wurde fündig — bei einer amerikanischen Studie mit Patienten, die sich einer bestimmten Operation unterzogen und danach wieder laufen konnten.

Ich war elektrisiert. Mit sämtlichen Quellen inklusive der Operationsanleitung machte ich mich auf den Weg zu einem Gefäßzentrum, wo ich die damals in Deutschland gänzlich unbekannte Diagnose des PAES — Popliteal Artery Entrapment Syndrome bestätigen und behandeln lassen wollte.

Warum ich trotzdem hier bin — und schreibe

Warum das scheinbar naheliegende glückliche Ende meiner medizinischen Odyssee noch lange nicht das Ende war. Wie ich trotz insgesamt 18 Operationen noch einige Sportarten machen konnte und kann. Wie ich lernen musste, damit umzugehen, leidenschaftlich ausgeübte Sportarten nicht mehr ausüben zu können. Welche Erkenntnisse ich gemacht habe, mich immer wieder von verletzungs- und operationsbedingten Defiziten regenerieren zu müssen.

Davon möchte ich hier schreiben. Angetrieben durch die Neugier, Dingen auf den Grund zu gehen und Besonderheiten zu entdecken. Es sind die Erlebnisse als Sportler, Patient und Arzt, die mich bewegt haben, diesen Blog zu schreiben.

Meine bewegte Sportbiographie — Zeitleiste aller Sportarten von 1966 bis heute